DAS WEISSE GOLD DER DANAKIL-WÜSTE

Christian Gepostet am

Am Anfang ist es nur ein winzig kleiner, dunkler Punkt im großen Nichts. Ich kneife die Augen zusammen und versuche, das grelle Licht zu kontrollieren. Vergeblich. Die brennende Sonne wird von der weißen Oberfläche so stark reflektiert, dass es schmerzt. Himmel und Erde verschmelzen zu einem unwirklichen Gebilde. Ein erneuter Versuch des vorsichtigen Blinzelns. Im Zeitlupentempo werden in der weiten Ferne der endlosen Weite des Salzsees erste, schemenhafte Konturen sichtbar. Sie kommen.

Auf diesen Moment habe ich gewartet. Jahrelang. Die vollgepackten Kamele schreiten majestätisch direkt an mir vorüber. Lautlos, stoisch, mit wiegendem Schritt. Wie Perlen auf einer Schnur. Ein Anblick, den man kaum beschreiben kann. Zweitausend Tiere müssen es sein, die hier ihren einsamen Weg durch die lebensfeindliche Danakil-Wüste im unzugänglichen Norden Äthiopiens zurücklegen. Es dauert Stunden, bis die vielen Karawanen an mir vorbei gezogen sind. Doch kann ich mich nicht sattsehen, an dem archaischen Anblick auf einer der letzten großen Salzkarawanen-Routen unserer Erde.

Ich befinde mich im Afar-Dreieck, genau genommen in der Danakil-Depression, bis zu 125 Meter unter dem Meeresspiegel, unweit der Grenze zu Eritrea. Es ist hyperarid, also extrem trocken. Das Thermometer zeigt erst 48 Grad im Schatten an, sofern es solchen geben würde. Im Laufe des Tages wird die Temperatur nochmals um zehn Grad steigen. Eine gnadenlose, fast mörderische Umgebung für Tier, Mensch und Maschine. Warum tut man sich das an? Weil es nicht mehr viele Orte wie diesen auf der Erde gibt. Die Ursprünglichkeit der Danakil-Wüste zieht mich magisch an. Ich habe stets das Gefühl, die Zeit sei hier extra für mich stehengeblieben, damit ich Zeuge eines grandiosen Ereignisses werden kann.

Wir fahren schutzlos weiter bei sengender Hitze und heißen Wüstenwinden über die glitzernden Flächen ohne erkennbaren Horizont. Die Landschaft ist surreal, weit und leer, bietet jedoch eine grenzenlose Projektionsfläche für abenteuerliche Fantasiegeschichten. Es gibt keine Straßen, keine Schilder, keine Leitungen und keine Behausungen – nur skurrile Salzkrusten, die auf der Haut brennen. In der Ferne türmen sich haushohe pilzförmige Salzsäulen auf, die von den Jahrtausenden der ständig sich wiederholenden Überflutung durch das Rote Meer und den driftenden Kontinentalplatten des Ostafrikanischen Grabenbruchs zeugen. Unter uns befindet sich eine massive, bis zu achtzig Meter starke Salzschicht.

Seit dem Sturz des Mengistu-Regimes 1991 in Äthiopien sind zahlreiche Widerstandskämpfer militärisch aktiv geblieben sind, weshalb die Region noch bis heute als sehr unsicher gilt. Immer wieder finden genau hier bewaffnete Überfälle auf Gruppen von Abenteuerreisenden statt, bei denen auch Europäer erschossen wurden. Die Soldaten, die zu unserem Schutz abkommandiert sind, und uns auf der gesamten Expeditionsreise der Danakil-Durchquerung begleiten und sogar nachts mit ihren Kalaschnikovs vor unseren Zelten sitzen, machen es sich auf der Ladefläche des Trucks bequem und schlafen. Die für sie unspektakulären Karawanen links und rechts von uns ignorieren sie einfach.

Wir jedoch sind hellwach und können nicht genug bekommen von den Eindrücken, die pausenlos auf uns niederprasseln. Das ‚weiße Gold‘ stellt die Lebensgrundlage und wichtigste Einnahmequelle für viele Stammesmitglieder des muslimischen Volks der Afar-Nomaden dar, von denen rund 100.000 in der Wüste leben. Diese extremen Umstände haben dem riesigen Areal den Beinamen ‚unwirtlichster Ort auf unserem Erdball‘ eingebracht, obwohl es aufgrund des großes Salzvorkommen eigentlich eine richtige Schatzkiste ist. Wie dieser Schatz gehoben wird, wollen wir uns genau ansehen.

Wir nähern uns einer archaischen Salzabbaustätte mitten im Nirgendwo. Unter seltsamen Rufen hauen die Männer mit selbst geschmiedeten Hacken die steinharte Salzoberfläche auf und stemmen mit langen Holzstangen große Platten heraus. Ihr Lohn: umgerechnet 1 Euro 50 am Tag. Eine unglaubliche Schinderei, aber in der Gegend gibt es nun mal keine andere Arbeit. Allein durchs Zuschauen dieses Höllenjobs sind wir völlig auslaugt. Die Platten werden zu kleinen Rechtecken zurechtgehauen, gestapelt, mit Hanfschnüren kunstvoll verbunden und von den versierten Kameltreibern auf den Rücken ihrer Dromedare oder auch Esel befestigt.

Mehrere Tage dauert dann der beschwerliche Rückweg nach Berahile – dem Umschlagplatz aller Salz-Karawanen. Dort, oder spätestens im Militärcamp Hamadilla, werden die Salzplatten auf LKWs umgeladen und schließlich auf dem Markt der 100 Kilometer entfernten Stadt Mek’ele verkauft. Über eine Million Tonnen Salz jedes Jahr. Dann werden sie präzise in kleinere Salzbarren verarbeitet, die Amoli heißen, und bis vor wenigen Jahrzehnten als offizielles Zahlungsmittel galten.

In den Märkten der Hauptstadt Addis Abeba findet man heute noch regelrechte ‚Banken‘ mit traditionellem Salzbarrengeld. Doch die Lebensgrundlage der Kameltreiber ist akut bedroht. Die Chinesen bauen derzeit eine Straße durch die Danakil-Wüste, um den Salztransport billiger und effektiver zu gestalten. Das wäre das Ende einer Jahrhunderte alten Tradition. Wie wägt man wirtschaftliche Argumente gegen den Erhalt kultureller Werte ab?

Die Sonne geht langsam unter und es herrschen immer noch kaum erträgliche 35 Grad. Ein allabendliches Ritual beginnt. Ich höre den melodischen Singsang der Männer auf der Salzpfanne, die Kamele blöken unruhig und über der Feuerstelle werden Kaffeebohnen geröstet. Langsam macht sich Karawane für Karawane zum Aufbruch fertig und beschert uns ein unglaublich faszinierendes und beeindruckendes Bild.

Vor mir zeichnen sich die Silhouetten der Tiere vor dem feurig-roten Himmel ab und ich kann mich nicht sattsehen an der unwirklichen Szenerie. Menschen und Tiere verschmelzen mit den Naturelementen und verschwinden in der Ferne wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

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